Das Jahr 2009 ist ein besonderes Jahr für unser Land. Da wurden 1919 zwei Wochen nach Gründung der KPD, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, zwei Kämpfer für soziale Gerechtigkeit, für Frieden und Sozialismus von Rechten ermordet.
1939 überfiel die Deutsche Wehrmacht Polen, und es begann der zweite Weltkrieg. Unmittelbar davor wurde der sog. Hitler -Stalinpakt zwischen. der Sowjetunion und Hitlerdeutschland abgeschlossen, der u.a. dazu beitrug, dass die östlichen Teile Polens, sowie die baltischen Staaten von der Sowjetunion besetzt wurden.
Nach Ende des zweiten Weltkrieges mit seinen schlimmen Folgen für ganz Europa wurden im geteilten Deutschland 1949 zunächst die Bundesrepublik Deutschland im Westen und als Antwort darauf im Osten die Deutsche Demokratische Republik (DDR) gegründet.
Vierzig Jahre danach 1989 brach die DDR zusammen und es kam zum Anschluss der ehem. DDR an die Bundesrepublik, was fälschlicherweise Wiedervereinigung genannt wurde. Dennoch sollte ein für unser Land sehr wichtiges Neunerdatum nicht vergessen werden, und davon erzählt die nachfolgende Geschichte.
Was steht der Hermann dort herum?
Da steht er nun, mitten in der Landschaft. Sein gezogenes Schwert zeigt furchterregend in den friedlichen Himmel. Ein Ungetüm aus Stein und Eisen. Warum er da steht, das lernen deutsche Kinder bereits in der Schule. An eben dieser Stelle soll, einige Jahre, nachdem ein gewisser Jesus in Nazareth geboren wurde, eine Schlacht stattgefunden haben, die berühmt-berüchtigte, die Schlacht im Teutoburger Wald.
Deutschtümelnde Historiker haben diese Schlacht von der Befreiung Germaniens vom römischen Joch erfunden und es Generationen junger Menschen als nachahmungswertes Vorbild eingebläut.
Doch seit einigen Jahrzehnten gibt es da einen Streit unter den Historikern. Ich meine nicht den bewussten, den sogenannten Historikerstreit, nein, ganz konkret auf Hermann und seine Schlacht bezogen, auf die Schlacht im Teutoburger Wald, im Jahre 9 nach Christi, wie es in den Geschichtsbüchern steht.
Man müsste doch irgendwelche Spuren finden, meinen historienbeflissene Archäologen, irgendwelche Waffenteile oder Helme oder Knieschoner oder Ohrenwärmer oder so etwas ähnliches, oder Tonscherben, weil ja auch wohl Teller und Tassen von den siegestrunkenen germanischen Recken kaputtgeschlagen worden sein müssen. Aber nix da – keine Spur von Rambazamba, gar nichts! Und die Reste von einigen lädierten Römertöpfen, die da in der Gegend herumlagen, die waren aus den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts.
Nun hat man zwar an anderen, weit weg gelegenen Stellen einige Fundstücke aus jener Zeit entdeckt, aber ob diese Utensilien etwas mit jener militärischen Handlung zu tun haben, ist sehr umstritten. Zwar behaupten die Forscher hartnäckig - man will ja nicht zulassen, daß die Geschichte umgeschrieben werden muss – die Schlacht, um die es geht, habe tatsächlich stattgefunden, nur eben an einem anderen Ort und möglicherweise auch zu einer anderen Zeit.
Mir, einem historisch unbelasteten Laien, liegt es fern, mich am Streit der selbsternannten Experten zu beteiligen. Ich habe jedoch meine eigene Version der Ereignisse von damals, eine Version, deren Beweiskraft in der Tatsache liegt, dass die offiziellen Darstellungen unbewiesen und damit falsch sind. Meine zivile Betrachtungsweise ist eher typisch menschlichem Verhalten nachempfunden und daher um Meilen weit realistischer als die Darstellungen der Profis unter den Historikern.
Unbestritten ist, dass Varus oberster römischer Besatzungskommandeur war und Hermann einer der Stammesfürsten der Germanen. Es lag nun in der Natur der Sache, dass sich römische Legionäre und einheimische Bevölkerung, je länger die Besatzung dauerte, immer näher kamen. Denn die Römer waren zum großen Teil Bauern und Handwerker, und das sogenannte Kriegshandwerk war den meisten von ihnen eher lästig. Oder, um es deutlicher zu sagen, viele von ihnen, wahrscheinlich sogar sehr viele, entfernten sich im Laufe der Zeit von ihrer Truppe und praktizierten gemeinsam mit den Mädchen der Germanen die erste historisch nachweisbare Ausländerintegration in Germanien.
Aber auch diejenigen Legionäre, die bei der Fahne blieben, hatten nach Dienstschluss „ihren“ Bauernhof oder „ihren“ Handwerksbetrieb, wo sie hingingen, um den kärglichen Sold etwas aufzubessern und um menschliche Wärme unterschiedlichster Art zu erfahren. Kluge Leute unter den Germanen erkannten bald die Vorteile, denn die Römer brachten manchen Fortschritt und viele Neuerungen in die germanischen Gemeinden. Deshalb lag es auch in der Logik der Sache, dass sie ihren Hermann zum Stammesbeauftragten für die Integration ausländischer Soldaten und ihrer Familien ernannten. Hermann war sehr erfolgreich, denn immer mehr römische Legionäre wurden sesshaft. Ein liebestrunkener Barde brachte es auf den Punkt mit dem Vers, den er einer blondzopfigen Landestochter widmete:
Besser als im Feld zu sterben
Ist’s, um Deine Gunst zu werben.
Und ein hoch dekorierter Legionsoffizier schickte dem Varus seine Orden zurück mit den Worten:
Nur fürs Morden gibt es Orden,
Ich steig‘ aus, ich bleib‘ im Norden.
Also, dem Varus war schon sehr bald bekannt, was mit seiner Truppe los war. Aber auch für ihn hatte dieser Prozess, der sich ja über Jahrzehnte hinzog, seine Vorteile. Sold für alle Soldaten kam mehr oder weniger regelmäßig aus Rom, aber auszahlen brauchten die Feldzahlmeister natürlich nur an die anwesenden Legionäre. Auf diese Weise kamen Varus und viele seiner Hofschranzen zu beträchtlichem Wohlstand. Die Steuern der germanischen Bauern und Handwerker taten ein Übriges, um den Reichtum des Oberbefehlshabers zu mehren.
So lebten sie alle viele, viele Jahre in Zufriedenheit und Wohlstand. Das ging so lange gut, bis eines bösen Tages Boten des Kaisers aus Rom auftauchten und dem Varus mitteilten, dass er, bitte schön, zunächst nach Rom zurückkehren soll, um dann irgendwo anders Kriege zu führen, um neues Land für den Kaiser zu erobern.
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die schreckliche Nachricht unter den Legionären. Auf den Punkt gebracht, lautete für sie alle die Frage: Warum in fernen Ländern sterben, wenn es sich in Germanien ganz gut leben lässt. Aber das war nur die individuelle Lösung. Für Varus war die Lage wesentlich komplizierter. Zunächst war da die Loyalität zum Kaiser. Aber selbst wenn man diese einmal überwinden könnte, gab es noch die riesigen Latifundien in Italien, die mit Sicherheit futsch sein würden, wenn ein Varus den Ruf des Kaisers ignorieren würde.
Als er schließlich zum Appell blasen ließ, hatte sich die ganze Truppe verpisst. Selbst die Feldpolizei und die Leibgarde waren nur mit halber Mannschaft zur Stelle.
In höchster Erregung fuhr er mit seinem Streitwagen zu Hermann, den er Arminius nannte. „Arminius, weißt Du keinen Rat? Schließlich hast Du uns mit Deinem Multikulti die ganze Sache eingebrockt“.
Hermann legte lange seinen blondgelockten Germanenschädel in beide Hände. Das tat er immer, wenn er nachdachte. Nach dem dritten Humpen Met kam ihm plötzlich ein rettender Gedanke. „Weißt Du, Varus, wir Germanen fragen, wenn wir nicht mehr weiter wissen, unsere Frauen. Tusnelda hat, als sie gestern aus ihrer römisch-germanischen Frauen-Selbstfindungsgruppe nach Hause kam, so komische Andeutungen gemacht. Ich glaube, unsere Frauen haben sich da schon etwas ausgedacht“.
Tusnelda, die an der Tür gelauscht hatte, war sofort zur Stelle. „Tussischatz, wir haben große Sorgen“. Mit diesen Worten fing Hermann an, die Sache zu erklären, aber Tusnelda unterbrach bald seinen Redeschwall, denn sie kannte ja das Problem.
Also sprach Tusnelda, die in jungen Jahren genau wie Hermann das Kriegshandwerk erlernt hatte: „Denk mal an Hannibal, von ihm stammt der berühmte Ausspruch: Das erste Opfer eines Krieges ist die Wahrheit“. Hier unterbrach Hermann seine Holde. „Was hat das mit unserer Lage zu tun, liebe Tusnelda, kannst Du uns das mal näher verklickern?“
Und Tusnelda klickerte: “Varus und seine Frauen und Mannen erhalten politisches Asyl in Germanien, und notfalls können wir ja nach Rom melden, er sei bei einem Jagdunfall oder durch ein Attentat ums Leben gekommen.“
Das gefiel Varus überhaupt nicht, den sicher würden einzelne seiner Legionäre doch nach Rom pilgern und dem Kaiser die ganze Sache verpetzen und dann wäre Schluss mit Lustig. „Nein, Tusnelda, weißt Du nichts Besseres,“ antwortete Varus.
„Wir haben in unserem Weiberrat vorsorglich einen zweiten Plan ausgeheckt, aber der ist etwas kompliziert.“ „Lass‘ kommen, mach‘ die Sache nicht so spannend,“ riefen beide Männer fast gleichzeitig.
„Ihr Römer, jedenfalls alle die, die von hier weg wollen, sammelt Euch und zieht Richtung Süden. Am Galgenberg, dort wo sich die Wege kreuzen, müsst Ihr, wie Dir bekannt ist, durch eine tiefe Schlucht, und da warten im Hinterhalt unsere germanischen Krieger auf Euch, um Euch zu überfallen. Hermann wird dafür sorgen, dass möglichst kein Blut fließen, aber dafür das Kampfgetümmel um so lauter sein wird. Wir Germanen werden so zahlreich erscheinen, dass jeder Widerstand selbstmörderisch erscheinen muss. Wenn dann die Reste der Legionen mit Dir, Varus, an der Spitze fliehen, wird Hermann mit den Seinen erst einmal den Sieg feiern, damit Du, Varus, mit Deinen Leuten auf Eurem Rückzug nach Rom erst einmal verschnaufen könnt. Deinem Kaiser und den deutschen Historikern in Rom erzählst Du einfach, die Germanen hätten Euch mitten im Teutoburger Wald alle umgebracht.“
„Meinst Du, Arminius, das funktioniert?“ fragte Varus unsicher.
„Ich denke schon, Varus, es muss funktionieren, und außerdem hast Du keine andere Wahl.“
Das sah Varus schließlich ein.
Eine gute Woche später war es so weit, und das Spektakel fand statt. Mit dem altgermanischen Schlachtruf „Humba, humba, täterä“ stürzten sich die Germanen auf ihre Gegner. Nicht zu schnell, denn auch die Verfolgung flüchtender Gegner soll man nicht überhasten. Es sollte ja niemand einen Herzinfarkt bekommen.
Ohne große Behinderung durch andere aufmüpfige Germanenstämme oder sonstige Naturkatastrophen kehrte Varus beklommenen Herzens nach Rom zurück.
Der Kaiser war natürlich sauer, und er verweigerte Varus die ansonsten bei derlei Anlässen übliche Siegesparade. Stattdessen motzte er ihn an mit den Worten: „Varus, Varus, gib mit meine Legionen wieder.“
Publius Quinctilius Varus, so war sein voller Name, soll sich vor Scham und gewissermaßen zur Abschreckung späterer Generationen sein eigenes Schwert in den Leib gerammelt haben. So wenigstens berichtete es das römische Amt für Kriegspropaganda. Die Wirklichkeit war weit weniger dramatisch: Er, Varus, hat sich bis ins hohe Alter der Landwirtschaft gewidmet.
Doch zurück nach Germanien.
Als Hermann mit seinen siegestrunkenen Mannen von der Römerverfolgung zurückkam, konnte sich Tusnelda nicht verkneifen zu sagen: „Siehst Du, Hermann, die ruhmreichsten Schlachten in der Geschichte sind die, die nie geschlagen wurden“.
Tusnelda hat Recht behalten, unsere Geschichtsbücher können es bezeugen, wenn sie über das Ereignis berichten, was angeblich im Jahre 9 nach Christi im Teutoburger Wald stattgefunden haben soll.
Leider hatte Alfred Nobel bis dahin noch nicht das Dynamit erfunden, und es konnten somit logischerweise auch noch keine Friedensnobelpreise verliehen werden. Tusnelda, Varus und Hermann wären würdige Anwärter gewesen, denn sie haben, auch wenn es die offizielle Geschichtsschreibung völlig anders darstellt, vielen tausend Menschen das Leben gerettet und außerdem echte Völkerverständigung praktiziert.
Und ein ehemaliger römischer Legionär, ein gelernter Metzger, der als Hausschlachter von Bauernhof zu Bauernhof zog, fertigte über seinem Hauseingang eine Tafel an, auf der geschrieben stand:
Helfen beim Schlachten,
um Wurst zu erwerben
macht viel weniger Stress
als in Schlachten zu sterben.
Werner Böwing